Schlüsselroman
Bulkware Nr. 232

    
Kryptographie nennt man die Kunst der Nachrichtenverschlüsselung. Der Name wurde 1641 von dem Engländer John Wilkins geprägt, dem Gründer der Royal Society. Im
 Roman spielt Wilkins eine Schlüsselrolle: Er ist der geheimnisvolle Verfasser des Cryptonomicon – eines Wälzers, der das gesamte Wissen über Verschlüsselungscodes enthält. Die mit dem Cryptonomicon weitergereichten Formeln helfen im zweiten Weltkrieg, die Chiffriermaschinen der deutschen Wehrmacht zu knacken. Eine hübsche Fiktion: Cryptonomicon
ist der erste Teil einer Trilogie, mit der der amerikanische Autor Neal
Stephenson die Kryptographie einem größeren Publikum nahebringen will.

Vieles spricht freilich dafür, daß Stephensons Wälzer wie seine früheren Bücher die Cypherpunks, die Codebrecher und Computerfreaks begeistern wird. Sie spielen im Roman als Geheimbund der "Secret Admirers" eine wichtige Rolle und besorgten indirekt sogar den Titel des Buches: Cyphernomicon nennt sich ein Internet-Angebot, das die Geschichte der Cypherpunks erzählt.

Das Buch ist Munition, und das im wörtlichen Sinne: Inmitten der Erzählstränge wird eine Verschlüsselungstechnik namens Solitaire beschrieben, die mit
einfachsten Mitteln funktioniert. Im Abspann zum Buch wie im Internet findet sich der komplette Code der Verschlüsselung. Ihr Entwickler Bruce Schneier hatte speziell die Befreiungsbewegung in Ost-Timor im Sinn, die ohne Computer mit
effektiver Verschlüsselung arbeiten muß. Sein System funktioniert daher mit Hilfe einer simplen Patience.

Da kryptographische Verfahren nach amerikanischem Recht als Munition gelten und der Waffenexportkontrolle unterliegen, darf das Cryptonomicon vorerst nicht ausgeführt werden. Stephenson sitzt unterdessen bereits am zweiten Band der Trilogie, der im nächsten Jahr unter dem Titel Quecksilber erscheinen und die High-Tech-Methoden der heutigen Kryptographie behandeln soll.

Gut möglich, daß sich Stephenson auf Twinkle stürzen wird – den Bauplan für eine optoelektronische Maschine, die der israelische Kryptoexperte Adi Shamir in der vergangenen Woche vorstellte. Twinkle, im vollen Wortlaut The Weizmann INstitute Key Locating Engine, wurde allein für den Zweck konstruiert, die bislang für sicher gehaltene 512-Bit-Verschlüsselung nach dem RSA-Algorithmus zu knacken.
Sollte die Maschine funktionieren, hätte sie die Rechenleistung von nahezu 1000 PCs und würde unsere heutige Vorstellung von sicher verschlüsselten Nachrichten
obsolet machen. Eine spannende Sache, wie aus einem Roman von Stephenson.

erschienen in: Die ZEIT    Nr. 20 vom 12.5.1999


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